Gedichte von Frauen, die im DDR-Frauengefängnis Hoheneck inhaftiert waren, stehen am 30. September im Menschenrechtszentrum Cottbus im Mittelpunkt eines performativen Konzerts. Bei „Ich bin mir selber fremd geworden. Stimmen aus dem Frauenzuchthaus Hoheneck“ treffen Musik, Gesang, Choreografie und Licht auf persönliche Erinnerungen ehemaliger Gefangener. Im Anschluss spricht die Zeitzeugin Konstanze Helber über ihre eigene Haftzeit.
Hoheneck war über Jahrzehnte eines der zentralen Frauengefängnisse der DDR. Tausende Frauen waren dort zwischen 1949 und 1989 inhaftiert, darunter zahlreiche politische Gefangene. Berichtet wird von Zwangsarbeit, harten Haftbedingungen und schweren körperlichen und seelischen Folgen.
Gedichte von Gefangenen werden zu Musik
Ausgangspunkt für das Projekt war ein Gedichtband mit Texten von Frauen, die während ihrer Haft in Hoheneck geschrieben hatten. Der Komponist Philipp Rücker bekam den Band über persönliche Kontakte zu einer ehemaligen Hoheneck-Gefangenen in die Hände. Für ihn entstand daraus die Idee, diese Texte musikalisch aufzugreifen. Rücker gehört zum Musiktheater-Kollektiv Schatz & Schande, das die Inszenierung gemeinsam mit dem Ensemble Neue Kammer entwickelt hat. Für die Performance wurden die Texte teilweise gekürzt, ihre ursprünglichen Worte bilden aber weiterhin das Zentrum des Abends. Rücker hat versucht, die Gefühle und Gedanken hinter den Gedichten musikalisch aufzunehmen. Dabei verbindet die Komposition unter anderem Einflüsse aus klassischer Musik, Jazz, Volksmusik und Minimal Music. Eine besondere Rolle spielen auch Bühne, Bewegung und Licht. Selbst die Zwangsarbeit während der Haft wird künstlerisch aufgegriffen: Ein Teil des Konzerts ist beispielsweise für drei Nähmaschinen und zwei Geigen komponiert.



Konstanze Helber erkennt eigene Erinnerungen wieder
Für Konstanze Helber, Vorsitzende des Forums für politisch verfolgte und inhaftierte Frauen der SBZ/SED-Diktatur e.V., hat die Aufführung eine ganz persönliche Bedeutung. Sie war selbst von 1977 bis 1979 für 22 Monate in Hoheneck inhaftiert. Im Gespräch mit Radio Cottbus erzählt sie, dass sie sich in vielen Bildern der Inszenierung und in der dargestellten Enge des Haftalltags wiederfindet. Gerade die Verbindung aus Musik, Text und Bühnenbild empfindet sie als besondere Form der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte. Über ihre Haft zu sprechen, falle ihr heute nicht mehr schwer. Die öffentliche Aufarbeitung sei für sie vielmehr ein wichtiger Teil ihres Umgangs mit dem Erlebten.
Zeitzeuginnengespräch gehört zum Abend
Die künstlerische Darstellung soll deshalb nicht für sich allein stehen. Nach jeder Aufführung folgt ein moderiertes Gespräch mit einer ehemaligen Hoheneck-Gefangenen. In Cottbus wird Konstanze Helber über ihre Erfahrungen sprechen und Fragen aus dem Publikum beantworten. Damit verbindet das Projekt Kunst mit persönlichen Erinnerungen von Menschen, die die Haft selbst erlebt haben. Auch historische Aufarbeitungsstellen dokumentieren die politische Verfolgung von Frauen in Hoheneck und die langfristigen Folgen der Haft.
Fotoausstellung bereits vor dem Konzert
Am 30. September beginnt das Programm im Menschenrechtszentrum Cottbus bereits um 17:30 Uhr mit der Fotoausstellung „Die Frauen von Hoheneck“, an deren Entstehung auch Konstanze Helber beteiligt war. Um 18:30 Uhr startet das performative Konzert. Anschließend folgt das Zeitzeuginnengespräch. Die Veranstaltung ist auch im offiziellen Veranstaltungskalender der Stadt Cottbus angekündigt.
Am 1. Oktober gibt es zusätzlich eine Aufführung für Schüler. Das Projekt soll damit gerade jungen Menschen einen Zugang zur Geschichte politischer Verfolgung in der DDR ermöglichen.
Karten und weitere Informationen gibt es beim Menschenrechtszentrum Cottbus.
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